Index Librorum Civitatum

Projektleitung:
Prof. Dr. Andreas Ranft (Professur für Geschichte des Mittelalters am Institut für Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)

Wissenschaftlicher Mitarbeiter:
Dr. Christian Speer

Wissenschaftliche Hilfskraft:
Jens Geiling

Studentische Hilfskräfte:
Daniela Lang, Lukas Langer, Max Hahnel, Robert Koszellni, Sebastian Rasch

Projektberatung:
Prof. em. Dr. Reinhard Kluge
Dr. Katrin Moeller
Dr. Patrick Sahle

Ein Instrument der Grundlagenforschung

Stadtbücher sind Kodizes, die seit dem 13. Jahrhundert in städtischen Kanzleien zu Verwaltungszwecken geführt wurden. Seit dieser Zeit ist die Bezeichnung »Stadtbuch« bzw. »Liber civitatis« nachweisbar. Sofern man in einer städtischen Kanzlei nicht mehrere verschiedene Buchreihen führte, wurde mit »Stadtbuch« jener Kodex bezeichnet, in den alle rechtsrelevanten oder zur Verwaltung notwendigen Angelegenheiten verzeichnet wurden. So fanden Handlungen des Gerichts, Neubürger, Ratslisten, Privilegienabschriften, Eide, Rechnungen, Steuerlisten usw. Eingang in diese Bücher. Sie wurden dadurch zu einem zentralen Medium, welches soziale Beziehungen festschrieb und bewahrte, Verfahren sicherte, Glaubwürdigkeit herstellte, Wissen ordnete, Verwaltung sowie Herrschaft organisierte und Traditionen half zu (re)konstruieren. Stadtbücher unterscheiden sich gattungsspezifisch klar von Einzelschriftstücken oder Akten, denn ihr grundlegendes Differenzierungsmerkmal ist die Kompositions- und Anlagestruktur des einzelnen Schriftträgers, der aus Lagen mit vorab definierten Beschreibräumen gebildet wird und in seiner vorbestimmten physischen Gesamtheit besondere Ordnungs- und Organisationsvorstellungen repräsentiert.

Stadtbücher ermöglichen einen der ergiebigsten Einblicke in das Leben mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Städte. Gleichwohl gehören sie zu den am wenigsten erforschten und demzufolge kaum benutzten Quellen. Die Überlieferung ist extrem breit gestreut und dadurch für die Forschung schwer zugänglich und schlecht zu überblicken. Besonders das Material aus kleineren Kommunen, die die Masse der vormodernen Städte darstellten, ist bisher kaum bekannt.

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Der Notwendigkeit, der Forschung spezialisierte sowie institutionen- und länderübergreifende Recherchewerkzeuge zur Verfügung zu stellen, ist bisher kaum Rechnung getragen worden. Für das Forschungsfeld Stadtbücher soll der »Index Librorum Civitatum« (ILC) helfen, diese Lücke zu schließen und Archivalien, Findmittel sowie Literatur/Editionen in einer einzigen Online-Präsentation flächendeckend nachweisen. Für die „fünf neuen“ Bundesländer kann der ILC bereits als Recherche- und Nachweisinstrument genutzt werden.

Weiterführende Literatur finden Sie in der Literaturdatenbank des ILC unter den Schlagworten »Einführung/Überblick« sowie »Empfehlungen der Redaktion«.

Leitfaden zur Erfassung der Stadtbücher (PDF)

Von A wie Adorf bis Z wie Zwönitz

Für die Bundesländer Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen werden derzeit für ca. 440 Städte etwa 68.000 Stadtbücher für die Zeit zwischen ca. 1300 und ca. 1800 nachgewiesen. Davon wurden ca. 1.400 Kodizes vor 1550 begonnen. Zu 91 Städten dieser Bundesländer liegen bisher keine Bestandsinformationen vor.

Für die „alten“ Bundesländer, Tschechien und Polen wurde begonnen Editionen, Forschungsliteratur sowie Bestandsverzeichnisse in die Datenbank aufzunehmen. Weitere europäische Regionen sind in Bearbeitung. Die Erfassung der Stadtbuchbestände der „alten“ Bundesländer ist in Vorbereitung.

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Gerichtsbarkeit, Steuern, Finanzen, Statuten...

Die Stadtbücher wurden bei der Erfassung nach inhaltlichen Kriterien einer Kategorie zugeordnet:

1. Stadtbücher mit vermischtem Inhalt, 2. Kopiare, Register, 3. Statuten, Willküren, Ordnungen, Rezesse, 4. Bücher des Rates, 5. Bürgerbücher, Erbhuldigungen. 6. Gerichtsbücher, 7. Zinsregister, 8. Steuerbücher, 9. Zollregister, 10. Rechnungsbücher, 11. Sonstige Stadtbücher.

Diese Kategorisierung dient vor allem der groben Strukturierung der Bestände, sie bedeutet keine letztgültige Aussage über den Inhalt der Bücher. Gerade Stadtbücher, die Textsorten aus mehreren Kategorien beinhalten, mussten aus pragmatischen Gründen jener Kategorie zugeordnet werden, die den Großteil der enthaltenen Überlieferung widerspiegelt.

Wie das nebenstehende Diagramm zeigt, sind die zahlenmäßig am stärksten vertretenen Gruppen die Gerichts-, Steuer- und Rechnungsbücher. Die älteste Überlieferung einer Stadt beginnt im Idealfall mit einem »Stadtbuch mit vermischtem Inhalt« gefolgt von den »Rechnungsbüchern«. In wenigen Städten des Erfassungsgebietes beginnt die Überlieferung im 13. Jahrhundert in den meisten Kommunen im 14. und 15. Jahrhundert.

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Projektgeschichte

Auf der 19. Jahrestagung der Hansischen Arbeitsgemeinschaft der DDR wurde 1974 die Anlage eines Stadtbuchinventars initiiert, um der historischen Forschung erstmals einen systematischen Zugang zu dieser wichtigen Quellengattung zu ermöglichen. Bis 1989 wurde ein maschinenschriftliches Verzeichnis aufgestellt, welches die Grundlage des »Index Librorum Civitatum« bildet. Zu den Stadtbuchbeständen wurden Editionen, Forschungsliteratur und Bestandsverzeichnisse hinzugefügt. Ergänzungen und Korrekturen werden fortlaufend eingearbeitet.

Bisherige Publikationen zum Projekt und zu Einzelfragen der Datenerhebung

  • Reinhard Kluge: Stadtbücher im Archivwesen der DDR, in: Archivmitteilungen 38 (1988), S. 90-95.
  • Reinhard Kluge: Das Stadtbuchinventar in den neuen Bundesländern. Entstehung, Aufbau, Stand, Aufgaben, in: Jürgen Sarnowsky (Hg.): Verwaltung und Schriftlichkeit in den Hansestädten (Hansische Studien 16), Trier 2006, S. 65-70.
  • Andreas Petter: Mittelalterliche Stadtbücher und ihre Erschließung. Grundlagen und Gestaltung quellenkundlicher Arbeiten zur mitteldeutschen Überlieferung, in: Sachsen und Anhalt. Jahrbuch der Historischen Kommission für Sachsen-Anhalt 24 (2002/03), S. 189-245.
  • Andreas Petter: Kulturtransfer, Schrift-Organisation und Überformung: Drei Thesen zur Entstehung, Funktion und Struktur städtischer Amtsbuchüberlieferung aus dem Mittelalter, in: Jürgen Sarnowsky (Hg.): Verwaltung und Schriftlichkeit in den Hansestädten (Hansische Studien 16), Trier 2006, S. 17-63.
  • Andreas Ranft: Repräsentation dynamischer Strukturen in Stadtbuchquellen als Problem historisch-kritischer Editionsarbeit, in: Matthias Thumser, Janusz Tandecki, Antje Thumser (Hgg.): Quellenvielfalt und editorische Methoden (Publikationen des Deutsch-Polnischen Gesprächskreises für Quelleneditionen / Publikacje Niemiecko-Polskiej Grupy Dyskusyjnej do Spraw Edycji Żródeł 2), Toruń 2003, S. 13-54.
  • Patrick Sahle: Das Plauener Stadtbuch und die Stadtbuchforschung, Ms. mschr. Köln 1996.
  • Christian Speer: Der Index Librorum Civitatum als Instrument der historischen Grundlagenforschung, in: Wilfried Reininghaus/Marcus Stumpf (Hrsg.), Amtsbücher als Quellen der landesgeschichtlichen Forschung (Westfälische Quellen und Archivpublikationen 27), Münster 2012, S. 107-124.
  • Christian Speer: Georg Rörer (1492–1557) in Wittenberg und Jena – Versuch einer lokalen und sozialen Verortung. Zugleich ein Beitrag über Möglichkeiten und Grenzen der Stadtbuchforschung, in: Heiner Lück et al. (Hrsg.), Das ernestinische Wittenberg: Stadt und Bewohner (Textband) (Wittenberg-Forschungen 2), Petersberg 2013, S. 255-264.